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Es muss nicht immer „eckig“ sein! R. Spannhake und F. Brouwers auf Spurensuche zwischen Malchow und dem Plauer See

Text und Bilder: Florian Brouwers

Wer von Rostock nach Süden auf der A 19 fährt, kann bei einiger Aufmerksamkeit kurz hinter der Ausfahrt Malchow rechts am Waldrand einige Betonreste unklarer Bedeutung bemerken. Ein Besuch scheint sich nicht zu lohnen, zu wenig konnte gesehen werden, zu abgelegen ist die Gegend. Bei einigem Nachforschen stellt sich aber bald heraus, dass beides nicht zutrifft. Es gibt eine Menge zu sehen und die Gegend ist mit guten Straßen- sowie einem Bahnanschluss auch alles andere als schwer zu erreichen. Es ist das frühere, etwa 340 ha große Produktionsgelände des Munitionswerkes Malchow.

 

 


Zweckbestimmung: Unbekannt – aber hübsch anzusehen

Baubeginn der vielfältigen Anlagen war das Jahr 1938, die bereits ein Jahr später ihre Produktion aufnehmen konnte. Als Betrieber der fungierte die „GmbH zur Verwertung chemischer Erzeugnisse“, eine Tochtergesellschaft der Dynamit Nobel AG, die unter diesem Namen zunächst auch sämtliche Bauwerke und die erforderlichen Straßen, Brücken und Bahnanschlüsse gebaut hatte. Nicht Betreiber aber Eigentümer der gesamten Einrichtung war dagegen die Montan Industriewerke GmbH, die ein reichseigener Betrieb war und auf diese Weise alle produktionstechnischen Details bestimmen konnte, ohne gleichzeitig als eigentlicher Produzent auftreten zu müssen.

Die zunächst rund 2.000 Mitarbeiter stellten neben anderen Rüstungsgütern vor allem den Sprengstoff Nitropenta (PETN) her, der monatliche Gesamtausstoß lag 1939 bei 550 Tonnen, wovon 150 Tonnen auf den Sprengstoff entfielen. Für dessen Herstellung wurde der kristalline Alkohol Pentaerythrit in drehbaren Kesseln mit Salpetersäure vermischt, gefiltert, gewaschen, umkristallisiert, getrocknet und schließlich mit Wachs vermischt, um ihn gegenüber Erschütterungen unempfindlicher zu machen. Nitro-penta und auch andere Sprengstoffe wurden dann zu Zünd- und Sprengladungen für Granaten gepresst. Außerdem wurden Sprengkapseln, Sprengschnüre und Zündpillen hergestellt. Da das Nitropenta leicht zur Detonation gebracht werden kann und außerdem einer der energiereichsten Sprengstoffe ist, eignet es sich besonders für diese Verwendung sowie für Minen und Bomben (S. Paarmann: „Chemie des Waffen- ... wesens).

Im Fortgang des Krieges wurden hier wie überall in der Industrie zunehmend Fremdarbeiter und 1.000 KZ-Häftlinge aus dem Frauenlager Ravensbrück als Arbeits-kräfte eingesetzt, was die Zahl der Beschäftigten auf über 5.200 Menschen ansteigen ließ. Bis 1944 steigerte sich die monatliche Gesamtproduktion auf 3.125 t, von denen mehr als 2.200 t auf den Sprengstoff entfielen. Zusätzlich sollen im gleichen Zeitraum etwa 50.000 km Sprengschnur und 1,6 Millionen Sprengkapseln gefertigt worden sein.

 


Sprengkapseln Nr. 8 aus dem Werk „m“ (Malchow)
 

Die Lager der Zwangsarbeiter in der heutigen West-Siedlung und die Unterkünfte der einheimischen Arbeiter in der Sanfeld-Siedlung sind bis heute in der Nähe von Malchow in weiten Teilen erhalten. Die Baracken der KZ-Häftlinge dagegen sind abgerissen worden. Das gesamte Werk wurde zwischen 1948 und 1952 sehr nachhaltig gesprengt, so dass heute nur noch wenige Bauwerke in dem weitläufigen Waldgelände unbeschädigt zu finden sind.

Dazu gehört zunächst das umfangreiche Wegenetz. Es bestand aus betonieren Fahrwegen, die ausschließlich von Elektrokarren benutzt werden durften, um die Gefahr von explosionsauslösenden Funken möglichst gering zu halten. Aus dem gleichen Grund durften auf den Gleisanlagen des Munitionswerkes nur sogenannte Speicherdampflokomotiven verkehren, die ohne eigene Befeuerung Dampf in Druckkesseln speicherten und zum „auftanken“ zum Kraftwerk außerhalb der Sicherheitszone gefahren werden mussten. Muster der Elektrokarren sind nach lange nach dem Krieg bei der Post und auf Bahnhöfen zur Gepäckbeförderung eingesetzt gewesen, die Lokomotiven nur noch im Werksverkehr verschiedener chemischer Großbetriebe.

 


Betonierter Weg im Muna-Gelände
 


Speicherdampflokomotive in Normalspurausfürung

Entsprechend den Bestimmungen der Heeresdienstvorschrift HDv 454/1 (" Heeresfeuerwerkerei, Grundsätze für das Bauen von Munitionsanstalten") sind auch beim Wegebau alle geraden Straßenführungen vermieden worden, und so schlängeln sich bis heute die Betonbänder in seltsamen Kurven durch das überwachsene Gelände. Auch sämtliche anderen Gebäude fallen dadurch auf, dass sie, wo immer es möglich war, Rundungen statt gerade Kanten zeigen. Die Tarnbemühungen gingen so weit, dass Bäume nicht gefällt, sondern mit einer brunnenartigen Ziegelverkleidung der Stämme versehen wurden, wenn sie sonst der Errichtung eines Erdwalls im Wege gestanden hätten. Diese Erdwälle waren erforderlich, um besonders explosionsgefährdete Arbeiten auf dem Gelände ohne Gefährdung der unmittelbaren Nachbargebäude durchführen zu können. Der sonst benötigte Sicherheitsabstand von etwa einem Kilometer war ja nicht einzuhalten. Nur in einem Fall hat sich dieser Sicherheitswall mit der abknickenden Tunneleinfahrt und dem kleinen Gebäude in seiner Mitte unzerstört erhalten.

 


Etwa 2 x 2 m messendes Bauwerk innerhalb eines Erdwalls. Vermutlich Standort einer automatischen Presse, mit der das PETN zu Presslingen als Granatfüllung verarbeitet wurde. (H. Jäger)
 


Abknickender Zugangstunnel durch den Erdwall
 


Fabrikationsbunker
 
 

Splitterschutzbunker
 
 

Lüfter eines Produktionsbunkers
 
 
 Im Gelände kann man bis heute zahlreiche geflieste Absetzbecken, Reste von Rohrleitungen, tunnelartige Zu- oder Abgänge in den Erdwällen und einige zerstörte aber noch begehbare Häuserruinen finden. Direkt am Ufer des Plauer Sees liegt sogar noch ein großer Teich, der von einem künstlichen, mit Durchlässen versehenen Damm abgegrenzt ist. Hier hat der enorme Wasserbedarf der Munitionsfabrik seine sichtbarsten Spuren hinterlassen.
 
 

Durchlass im Absperrdamm


Fertige Produkte wurden in mehreren MLH (= Munitionslagerhaus) zwischengelagert. Sowohl der kleinere Typ 25 (für 25 m2 Fläche) als auch der Typ 50 sind auf dem Gelände noch zu finden. Die meisten erhaltenen wurden zwischenzeitlich verschlossen und als Fledermausquartiere eingerichtet.

Eindrucksvollste Ruine des gesamten Bereiches ist aber wohl der erst im Laufe des Krieges errichtete Luftschutzbunker vom Typ Zombeck. Bei der Sprengung regelrecht auseinandergeflogen, liegen die Seitenwände kreisförmig geordnet um die spitz zulaufende und unzerbrochen gebliebene Decke unter den Bäumen wie ein Puzzlespiel.

Unter Berücksichtigung eines Besuchs auch der ehemaligen Wohn- und Unterkunftsgebäude sowie der Tatsache, dass die A 19 das Gelände etwa mittig durchschneidet und deshalb eigentlich zwei getrennte Waldgebiete erwandert werden müssen, erfordert selbst die nur halbwegs vollständige Begehung einen ganzen Tag. Weil dazu aus den bekannten Gründen vor allem das Frühjahr geeignet ist, sollten sich Interessenten also auch auf die kürzere Phase des Tageslichts und Mitnahme ausreichender Verpflegung einstellen. Ein Besuch lohnt sich ganz außerordentlich und verhilft zu einer Reihe überraschender Erkenntnisse.

 

Quellen:

- Sawatzki/Treu/Bröcker/Nill, "Das Munitions- und Sprengstoffwerk in Malchow 1938-1945",

Stadt Malchow

- Sven Bardua und Michael Grube: „Munitionswerk Malchow“ in http://www.geschichtsspuren.de

- HDv 454/1 (" Heeresfeuerwerkerei, Grundsätze für das Bauen von Munitionsanstalten")

 


Decke des gesprengten Luftschutzbunkers

 


Durchgang in eine Wallanlage mit Resten einer Schaltstation (?)
 
 

Munitionslagerhaus (MLH) mit ca. 25 m2 Lagerfläche
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