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Durch diese Scharte muss er kommen – kommt er auch!

Ein Besuch an der Peripherie der ehemaligen italienischen Batterie auf dem Chaberton

Text und Fotos von O. Zauzig


Wohin soll es im Sommer gehen, wenn Geschäftsführer und Vizepräsident sich ein paar Tage Auszeit von Familie und Alltag nehmen? Eine verblüffende Antwort: Sie wollen den „Olymp“ der Festungsfreunde besuchen – die Batterie auf dem Chaberton. Darüber soll aber hier nicht berichtet werden. Nicht das es nicht erwähnenswert wäre, nein, aber mittlerweile ist so viel dazu veröffentlicht worden, dass ich mich in diesem Beitrag lieber den Objekten „links und rechts“ des Chaberton widmen möchte, um die mitunter imposanten Anlagen aus ihrem Schattenreich zu reißen. Was das Bergerlebnis und die Batterie selber betrifft, so möchte ich auf zwei Veröffentlichung verweisen: A. Boy und M. Zäpfel brachen vor gut zehn Jahren dorthin auf und hinterließen ihre Eindrücke in gedruckter Form im Wall Nummer 30 (März 2000). Inge und Dieter Wernet veröffentlichen in der fortifikation 10 (1996) ihren Beitrag „Briançon und der Chaberton“.

 

 

Scharte der rückwärtigen Verteidigung des Vallo Alpino Artilleriewerkes an der Südflanke des Chaberton

Ich möchte meinen Beitrag als Ergänzung dieser beiden Veröffentlichungen begreifen.

Doch zwei Sätze möchte ich trotzdem über den Aufstieg zum Chaberton zu Papier bringen. Trotz sommerlicher Temperaturen in Montgenèvre, dem besten Ausgangspunkt zur Erwanderung des Berges, ist es in über 3.000 Meter Höhe kalt. Der morgendliche Regen ging in 2.900 Meter Höhe als Schnee nieder. Es war Anfang August! Deshalb sollten zumindest warme Sachen im Gepäck sein. Man weiß nie! Was die Begehung des Berges betrifft, der wirklich nur begangen werden kann, so sollten die morgendlichen kühleren Temperaturen genutzt werden. Denn steht die Sonne erst einmal im Zenit, kann der mitunter steile Anstieg sehr schweißtreibend sein. Auch wenn sich das auf dem Papier wie ein Widerspruch liest, so weiß jeder, der das schon einmal gemacht hat, was ich meine, und die anderen dürfen sich dann gerne daran erinnern. Es gibt drei Wege, die nach oben führen. Der von uns bevorzugte und begangene, überwindet circa 1.300 Höhenmeter und ist in gut vier Stunden zurückzulegen. Der zweite, wohl noch besser zu gehende (!), aber um einiges längere, überwindet rund 1.800 Höhenmeter. Gemeint ist die alte Militärstraße von Fenils aus. Fahrzeuge waren weit und breit nicht auszumachen. An das Fahrverbot hält sich offensichtlich jeder! Ein dritter Weg, der für zweibeinige Bergziegen und alle Fährtenleser geeignet ist, führt über die südliche Schutthalde in kürzester Distanz, schön steil und ohne Wegweiser zur linken Flanke der Batterie (hier sollte man noch einmal Boy und Zäpfel nachlesen).

Bei der folgenden Beschreibung möchte ich mich auf die vorhandenen Anlagen italienischer Provenienz beschränken. Beschränken muss ich mich dabei aber nicht wirklich, denn Befestigungen sind genug vorhanden. Das Spektrum reicht von Bauten aus der Zeit Ende des 19. Jhds bis zu Vallo Alpino Werken der 1930er Jahre.

Blick von der französischen Frühstücksstelle auf unseren Zielpunkt. Zu sehen sind deutlich zwei Scharten (nicht auf dem Foto, sondern mit dem Fernglas!). Weder der Weg noch die Batteria alta sind vom Tal aus „erahnbar“. Von der Pfeilspitze links führt der 3. Weg zum Chaberton hinauf, dessen Gipfel auf dem Bild noch sichtbar ist.
Kaum zu glauben, aber durch diese Scharte kommt er.



Tagesetappe Batteria alta


Ziel war eigentlich das vermeintliche Vallowerk, welches von unserer Frühstücksposition so optimistisch greifbar schien (Abb. 2). Der Aufstieg war in 90 Minuten erledigt. Übrigens ist der Weg von unten nicht einmal erahnbar! Wie bereits erwähnt, nach einundeinhalb Stunden standen wir vor der Scharte des Artilleriewerkes – durch diese Scharte muss er kommen! Kommt er auch (Abb. 3). Der Geschäftsführer voran, der Vize hinterher. Geht alles. Das Kavernenwerk ist ein „typisches“ Artilleriewerk des Vallo Alpino mit vier Geschütz-Scharten. Bemerkenswert an diesem Werk sind aber zwei äußerst interessante Aspekte. Erstens findet sich in einem der drei Eingänge eine Grundrisszeichnung der Anlage. Das hatten wir beide noch nicht gesehen. Zweitens führt einer der Gänge in ein aus Hausteinen und Ziegelwerk bestehendes Labyrinth, bei dem man stehen bleiben darf und staunen sollte (Abb. 4). Selten gelingt eine Reise in die Vergangenheit, d.h. von circa 1938 ins Jahr 1890 so schnell und imposant. Wir staunten also nicht schlecht. Hier wurde das Vallowerk an die vorhandenen Magazine einer fünfzig Jahre älteren Batterie angebaut. Ein schöner Übergang. Nach circa 20 Minuten in dunklen Röhren verließen wir die Hohlgänge und Magazine und standen auf dem großräumigen Gelände der erwähnten Batterie. Das erste was wir sahen, war die in Bruchstein errichtete Kaserne, die noch unterhalb der eigentlichen Geschützstellung erreichtet wurde. Was hier aber auch bereits in den Magazinen auffiel, war der gute Erhaltungszustand des zum Bau verwendeten Holzes. Zu welchem Wunder eine gute Belüftung fähig ist!

Das mit Ziegelwerk und Bruchsteinen errichtete Magazin der oberen Batterie, welches sich un-mittelbar an die betonierten Gänge des Vallowerkes anschließt.
Die betonierten Geschützplattformen der Batteria alta. Der Eingang links führt in einer endlosen Treppe zur Magazinebene hinunter.
Die linke Flankierungsbatterie von der oberen hinteren Geschützplattform aus gesehen.

Das Ensemble von den terrassierten Plattformen aus gesehen. Rechts oben im Bild sieht man die Batterieplattformen. Links davon, etwas unterhalb die Flankierungsbatterie. In Bildmitte befindet sich das Kasernengebäude, daneben ein Trafohäuschen aus späterer Zeit. Links unten sieht man einen Teil der Werkstraße, die zum Vallowerk führt und rechts davon kann man die Eingänge zu den Magazinen erahnen.
Diese italienische Batterie entstand circa drei Kilometer westlich von Cesana Torinese um 1890 in circa 2.000 Metern über Meereshöhe und wird als „Petit Vallon“ bezeichnet. Der Komplex besteht eigentlich aus zwei Batterien, der oberen Batteria alta (Abb. 5) und der unteren Batteria bassa (Abb. 8). Die höher gelegene Batterie war ursprünglich mit sechs 12 cm Kanonen bewaffnet, die in einer Linie offen auf betonierten Plattformen standen, die nicht durch Traversen getrennt waren. In einer separaten Position, die der linken Flankierung der Batterie diente (Abb. 6), standen zwei 15 cm Kanonen sowie zwei 15 cm Mörser, die ebenfalls offen standen. Die Besatzung der Batterie umfasste circa 100 Soldaten (!). Die untere Batterie bestand aus vier 12 cm Kanonen, die ebenfalls in offener Aufstellung hinter einer Brustwehr aufgestellt waren.

Die Batterien befinden sich heute im Grenzgebiet zwischen Italien und Frankreich und sind samt Vallowerk einen Aufstieg wert. Ein ausgeschilderter Wanderweg führt von Clavière zur oberen Batterie (Batteria alta) und dann noch weiter zum Chaberton (so will es die Karte!). Nordöstlich unweit der Batterie befinden sich einige planierte Terrassen und stellenweise Fundamente von Gebäuden. Offensichtlich konnte hier zumindest provisorisch eine größere Garnison untergebracht werden.

Um zur unteren Batterie zu gelangen, sollte die alte Werkstraße benutzt werden, die sich in etlichen Kehren am Hang entlang ins Tal schlängelt. Vor dem Besuch der unteren Batterie sollte der Abstieg aber wohl überlegt sein. Das Problem, welches sich mittlerweile ergibt, ist der „gekappte“ Rundwanderweg, der noch vor sechs Jahren „ungekappt“ existierte. Heute endet der Wanderweg bzw. die frühere Militärstraße auf italienischer Seite abrupt über einer klaffenden Wunde im Berg, die sich bei näherer Betrachtung als Einfahrt zu einem neuen Umgehungstunnel der Engstelle östlich von Clavière entpuppt. An Dieser Stelle entstand Ende des 19. bzw. Anfang des 20. Jahrhunderts eine aufwendige Straßensperre mit umfangreichen Kasernenanlagen, Hindernissen und der kleinen Straßensperre Petit Vallon. Zu diesem Komplex gehörten auch die weiter oben liegenden Batterien. Die Kasernen sind heute verschwunden und es existiert kein Weg mehr von der Straße zu den oberen Batterien. Trotzdem kann man mit kleinen Klettereinlagen zur N 94 gelangen. Handschuhe sind von Vorteil, aber nicht unbedingt nötig. Auf Höhe der kleinen Straßensperre (Abb. 9), die sich gut 20 Höhenmeter über der Fahrbahn befindet, verlässt man die kaum noch vorhandene Werkstraße und versucht auf der Frontseite der Anlage bis zum Steinschlagnetz zu gelangen. Hier gibt es zwischen Fels und Drahtnetz einen Durchlass. Von dort muss man sich am Maschendraht der Hangsicherung „abseilen“. Wenn man dann oberhalb der N 94 ist, kann man am Maschendraht bis weiter zur Straßendecke gelangen oder nutzt das dort schon verankerte Kletterseil. Ein Zeichen, dass wir doch nicht die einzigen waren, die diesen Abstieg wählten. Erst einmal auf der Straße, gelangt man per pedes wieder zu seinem Ausgangsort zurück. Dabei kann man aber noch ein unvollendetes Vallowerk auf Straßenniveau erkunden und sich die Überreste der einstigen Sperre von Nahem anschauen. Wem das nach zu viel Gefahr klingt, der sollte entweder wieder zur oberen Batterie aufsteigen, oder die untere gar nicht erst besuchen. Aber mal ehrlich, das wirkliche Schmuckstück ist der obere Komplex.

Blick auf die untere Batterie. 
Die untere Straßensperre vom gegenüberliegenden Hang (Roccia Clari) aus. In der Bildmitte sind die zwei Scharten für Kanonen sichtbar, die in Richtung Frankreich zeigen.



U-Bahnstation Roccia Clari


Schaut man vom Gebäude der kleinen Straßensperre auf etwa der gleichen Höhe nach Süden hinüber zum gegenüberliegenden Hang, entdeckt man zwangsläufig ein großes Loch in der Felswand (Abb. 10), welches seinen Dimensionen entsprechend von uns als „U-Bahn-Schacht“ bezeichnet wurde. Dass es sich um einen solchen nicht handeln kann, wissen auch zwei Berliner Großstadthelden. Trotzdem blieb erst einmal die Spekulation. Vermutungen reichten von der möglichen Einfahrt einer Seilbahnstation einer Kaverne oder eines noch nicht vollendeten klassischen Werkeinganges, denn nicht weit oberhalb des Schachtes befindet sich ein Vallowerk, welches wir bereits vergeblich versucht hatten zu erreichen. Nun, das Rätsel um die vermeintliche U-Bahn-Trasse wurde erst nach dem Besuch der Festung Bramafan (Bild 22) gelöst, denn hier deckten wir uns mit einiger Literatur ein, die auch darüber Auskunft gab. Bei diesem Bau, den wir auch einige Tage später – ohne uns am 60° Hang das Genick zu brechen – erreichten, handelt es sich um den Wachposten Roccia Clari. Diese Flankierungsverteidigung wurde 1913 errichtet und sollte die Straßensperre von der gegenüberliegenden Hangseite decken. Der Korpus hat tatsächlich die Dimension eines U-Bahn-Schachtes, ist aber nur circa acht Meter tief. Da heute nur noch Betontrümmer vor dem Schacht liegen oder sich bereits elegant der Schwerkraft folgend in Richtung Talsohle bewegen, dient an dieser Stelle die Risszeichnung zur Erläuterung (Abb. 11). So war die Kaverne innen mit Beton ausgekleidet. Es wurde ein Zwischengeschoss eingezogen, welches möglicherweise aus Holz bestand. Dies lassen die Überreste vermuten. Dann gab es rechts den Eingangsbereich und in der Frontseite waren vier Scharten für Gewehr und zwei für Maschinegewehr vorgesehen. Die noch vorhandenen Reste lassen auf das ursprüngliche Aussehen aber keine Rückschlüsse mehr zu. Erst durch die Zeichnung findet man Orientierung. Die Anlage war eine richtige kleine Minifestung mit Küche, Latrinen, Eingangsverteidigung etc. (siehe Zeichnung Abb. 11). An dieser Stelle sollte ich vielleicht erwähnen, dass die italienischen Militärbauten, die aufgrund der „Grenzkorrekturen“ von 1947 heute häufig im unmittelbaren Grenzbereich liegen, zu einem erheblichen Teil zerstört wurden. Manchmal entdeckt man nur noch Trümmer. Warum das so ist, kläre ich später.

Der „U-Bahn-Schacht“ von Roccia Clari, der 1913 errichteten Flankierung der Straßensperre.

Die selbe Flankierungsanlage auf einer Zeichnung der Pionierabteilung Turin von 1920 (aus: Corino, 2006, S. 31).
Mitunter finden sich auch vollständig erhaltene Panzerscharten, die einfach so im Werksinnern herumliegen und kaum jemand nimmt Notiz. Ein solcher Fall findet sich einige Hangmeter oberhalb von Roccia Clari, wo sich in altgewohnter Manier das bereits angesprochene Vallo Alpino Infanteriewerk befindet. Auch hier ist der Eingangsbereich gesprengt, aber ein Loch findet sich auch für wohlgenährte Mäuse. Das Innere ist gut erhalten und dort, wo einst die MG-Scharte dem erwarteten Gegner die Stirn bot, klafft heute ein Loch. Der Panzer liegt wie von einer Titanenfaust bewegt im Inneren der Kasematte und lässt sich vom Schutt der Zerstörung einhüllen (Abb. 12). Trotzdem hat man einen schönen Blick auf Clavière und dessen friedliche Erscheinung. Wer ahnt denn auch, dass die meisten Felssporne und Hangneigungen dieser Region mitunter löchrig sind wie Schweizer Käse!

MG-Scharte des Vallo Alpino Werkes oberhalb von Roccia Clari


Chabertonsattel


Genug dessen! Zwei andere Werke harten am Tag des Aufstiegs zum Chaberton auf ihre Entdeckung. Nun, Entdeckung mag übertrieben sein, denn bereits Boy und Zäpfel nahmen Notiz davon. Gemeint sind die beiden Vallowerke nördlich und südlich des Chaberton Sattels, wo sich französischer Aufstieg mit italienischem vereint. Wäre wirklich komisch, wenn hier nichts zu finden ist. Trotzdem beachtet kaum ein Wanderer die Scharten. Auf der Suche nach dem Eingang zum südlichen Werk (Abb. 13) mussten wir dessen Nichtexistenz irgendwann eingestehen. Oder waren wir schlicht zu blöd ihn zu finden? Es gibt da eine Vermutung! Offensichtlich müssen wir noch einmal da hoch. Da werden wir aber die alte Werkstraße nehmen, denn Abwechslung muss sein. Das gegenüberliegende (nördliche) Hangwerk ist, obwohl der gefundene Eingang zugeschüttet, noch durch einen Spalt zu betreten. Das taten wir aber nicht. Ein zweiter Grund noch einmal dorthin zurückzukehren. Auch hier verrät ein zwei Tage später erworbenes Buch etwas mehr. Irgendwie begeht man auf diesen Touren doch immer wieder die gleichen Fehler!
Südliches Vallowerk auf dem Chaberton-Sattel, dessen Eingang wir nicht finden konnten.


Tagesetappe B 3 und B 4


In meiner Darstellung folge ich der Route vom Süden nach Norden, d.h. von der Sperre Clavière, über den Chabertonpass bis in die Region um Bardonecchia. Oberhalb des Ortes gibt es eine sehenswerte Festung, deren Besuch am Anfang der Erkundung der gesamten Region stehen sollte. Der Grund ist simpel wie selbsterklärend: Die hier gezeigten Pläne und Verweise auf umliegende Befestigungen ersparen die mühsame Suche danach. Denn die Arbeit haben andere schon vorher erledigt. Nur auf die Berge kommen, das muss man selbst. So stand für uns der Besuch der beiden Vallo Alpino Artilleriewerke B 3 und B 4 auf der Agenda. Die westlich von Bardonecchia vorbei an der Höhe Tre Croci gelegenen Werke, sind durch eine sieben Kilometer lange Werkstraße mit dem Ort verbunden. Ein geländetaugliches Fahrzeug kann einen bis zu den Eingängen befördern, nur sollte der Fahrer auf der Hut sein, da an einigen Stellen unvermutet Löcher auftauchen, die dem Eingang zum Hades in nichts nachstehen. Nicht dass die ganze Karre darin versinken könnte, aber ein Achsbruch macht auch Freude. Aber als erprobte Chaberton-Bezwinger war uns sowieso kein Berg mehr zu hoch. Zudem hatten wir beide ein gutes „Magengefühl“, dort oben etwas Besonderes zu finden.

Artilleriewerk B 3 mit den sechs Artillerieblöcken, zweiter von links ist gesprengt, die ganz linke Scharte ist die Flankierungsanlage, oberhalb des dritten A-Blockes von links ist der Beobachter erkennbar.

Dieser Tour geht aber eine kleine Geschichte voraus. Einige Tage vorher befanden wir uns südwestlich von Bardonecchia am Colle della Scala, dort wo der Weg wieder nach Frankreich führt. Oberhalb der Serpentinenstraße befindet sich gleich die zweite Vallo Alpino Sperre, die im Notfall von der Batterie B 3 hätte Unterstützung bekommen können. Hier gibt es einige Kavernenwerke oberhalb der Straße in den Felswänden. Dort begegnete ich auch gleich zweimal dem „Gehörnten“. Dessen „trapsende Hufe“ hörte sich im Dunkeln wie das Erscheinen des Minotaurus an – nur ganz so groß und zwitterhaft war er dann doch nicht. Trotzdem sah ich mich schon mit zwei klaffenden Wunden den Hang hinabsteigen. Gott sei Dank hatten wir beide Platz, die Gemse und auch ich. Der befürchtete Zusammenstoß blieb aus. Wem das Herz mehr in der Hose pochte, ist freilich schwer zu sagen. Dass das aber innerhalb einer Stunde gleich zweimal passierte, veranlasste mich für den Rest des Tages beim Betreten irgendwelcher Felslöcher doch vorher einen Stein hineinzuwerfen und zu lauschen, ob die Hufen scharren. Zumindest sah ich von einem dieser Werke die gewaltige Batterie B3 (Abb. 14). Gewaltig, da ich mindestens acht Blöcke zählen konnte. Die wollte ich unbedingt sehen. So entschieden wir uns, den letzten vollen Festungstag mit dem Besuch der beiden Artilleriewerke zu füllen. Die andere Batterie zeigte mit ihren Scharten nach Norden, d. h. genau in die entgegengesetzte Richtung von B 3. Zum besseren Verständnis der Lage sollte hier kurz erwähnt werden, dass die Grenze hier einen fast rechtwinkligen Schwenk nach Osten vollzieht. B 3 erreichten wir um die Mittagszeit. Auch hier waren wir nicht die einzigen. Im Vorgelände des Vallowerkes gibt es noch etliche Stellungen aus der Zeit Ende des 19. Jahrhunderts (Abb. 15), als Italien den Gegner noch in Frankreich sah, da die Verträge mit dem Deutschen Reich und der k.u.k. Monarchie möglicherweise noch in ernsthafter Absicht Bestand hatten. Die permanenten Anlagen waren durch Feldbauten ergänzt.

Artilleriestellung aus den 1890er Jahren unterhalb von B 3
Rechter Haupteingang von B 3
Artillerieblock unterhalb des Beobachters von B 3 mit zusätzlichem Eingang

Die ellipsenähnlichen Gänge von B 3

Aber zurück zur Batterie B 3: Sie besteht aus zwei „Haupt“- Eingängen (Abb. 16), an die sich unmittelbar Kasernen anschließen. Ein circa 300 Meter langer Gang verbindet die sechs Artilleriestände mit dem Beobachter und der südwestlichen Flankensicherung, die aus zwei MG-Blöcken besteht. Das Besondere dieses Werkes, ebenso bei B 4, ist der Gangquerschnitt, der an einen abgeschnitten Tropfen erinnert (Abb. 18). Bei den meisten Vallo Alpino Werken stehen die Seitenwände senkrecht zueinander. Hier verlaufen sie wie in einem Eisenbahntunnel in geometrischer ellipsenähnlicher Krümmung. Das Werk ist fast vollständig erhalten. Nur ein Batterieblock ist gesprengt, was didaktisch vorteilhaft ist, da man so genau den Einbau der Scharte in den Block studieren kann. Übrigens sind die Scharten meist noch vorhanden, teilweise komplett eingebaut, teilweise in der Kasematte am Boden liegend. In zwei der Blöcke befinden sich noch metallene Tragegestelle für die 75-mm-Munition.

Eine der sechs Artilleriescharten von B 3 ohne Panzerplatte. Diese Scharten waren für 75 mm Festungskanonen 75/27 ausgelegt. In vielen Artilleriewerken des V.A. finden sich dagegen meist Scharten für Feldgeschütze.
Der Beobachter thront in etwa der Mitte des Werkes und ist durch Treppen mit dem Hauptgang verbunden. Einen dritten Eingang findet man hier noch unterhalb des vierten Artillerieblockes (Abb. 17). Am Ende der Röhre, wo die Flankierungsstellung liegt, gibt es noch einen „Notausgang“. Dieser führt aber direkt zu einer steilen Schutthalde, über die man wirklich nur im Notfall zu Tale gelangen möchte.

Rechter Eingang von B 4, der die Sprengungen unbeschadet überstanden hat.


Im Gegensatz zu B 3 ist B 4, dessen Eingänge (Abb. 20) circa 400 Meter die Werkstraße zurückfolgend liegen, zerstört. Die Batterieblöcke sind alle gesprengt. Die Gänge im Inneren sind zum Teil zusammengefallen (Abb. 21) und nur mit äußerster Sorgfalt zu betreten. Wir stellten uns naturgemäß die Frage, warum das eine Werk heil blieb, während das andere zerstört wurde, obwohl beide in unmittelbarer Nachbarschaft liegen? Eine mögliche Erklärung ist folgende: B 3 befindet sich nach der Grenzziehung auf französischem Gebiet. B 4 dagegen hat zwar die Eingänge im heutigen Franreich, die Kampfblöcke sind aber immer noch in Italien. Die neue Grenze wurde über das Werk gezogen, so dass diese heutige Situation entstand. Die Antwort erklärt auch, warum die Vallo-Werke bei Clavière teilweise zerstört sind (sobald sie noch in Italien liegen) oder unbeschadet blieben (wenn die Grenzziehung sie ins französische Staatsgebiet eingliederte).

Fazit: Die Tage sind voller Programm, doch reicht die Zeit kaum aus. Sobald man sich irgendwo „festgebissen“ hat, trennt einen entweder das Wetter oder der unbedingte Heimkehrtermin. Egal, einen vollständigen Überblick gewinnt man erst bei der dritten oder vierten Reise. Aber auch danach findet man immer wieder einen Hinweis, dem man unbedingt nachgehen muss, sonst kann die Region nicht ad acta „gelegt“ werden. Deshalb müssen wir wohl noch einmal hin.



Literatur:

Corino, Pier Giorgio: La Batteria dello Chaberton, Turin 2006.

Corino, Pier Giorgio: VIII Settore G.A.F. Il Vallo Alpino conca di Bardonecchia, Turin 2007.

Rolf, Rudi: A Dictionary on Modern Fortifications. An illustrated lexicon on European Fortification in the period 1800-1945, Middelburg 2004.

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