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Eine unbekannte italienische Panzerkasematte

Text und Bilder: F. Brouwers

Der von Süden kommende Reisende hat wenig Aussicht, einen der interessantesten Punkte der über den Simplon-Pass führenden Straße überhaupt zu bemerken. Die mittlerweile fast schnellstraßenähnlich ausgebaute Strecke erlaubt Geschwindigkeiten, bei denen üblicherweise die Aufmerksamkeit vor allem auf Kurven und Tunneldurchfahrten gerichtet sein sollte und nicht auf vorüberhuschende Bauwerke. Am Ende des Ortes Iselle de Trasquera, den man ja eigentlich langsam durchfahren muss, liegt rechts eine Art Parkplatz und auf der linken Straßenseite sieht man halb unter dem Niveau der Fahrbahn ein ehemaliges Elektrizitätswerk. Am Ende des Parkplatzes sollte man anhalten, auch wenn bisher rein gar nichts zu sehen war, weil die gesamte kleine Anlage nach Norden gerichtet ist.

 

 

 Blickrichtung Süden: Erstes Tunnelportal der Simplon-Bahn auf italienischem Gebiet Gleich rechts führt dort nämlich eine Treppe durch ein offenes Tor im hier noch komplett erhaltenen Sturmgitter der Trassensicherungen und nach wenigen Metern steht der interessierte Reisende vor dem nur leicht verwachsenen Eingang zu einem der seltsamsten Tunnelbefestigungswerke auf italienischen Pässen. In dieser massiven Form kommt so etwas nach Kenntnis des Verfassers kein zweites Mal vor.

Die Anlage wurde zweifellos zusammen mit der Bahnlinie errichtet, die ab 1906 fertiggestellt und offenbar für beide beteiligten Länder Italien und Schweiz der Anlass war, auf jeweils ihrer Seite neue Befestigungen zu errichten. Die soeben gewonnene schneller Verbindung machte eben auch einen schnelleren Einmarsch möglich und dem galt es vorzubeugen. Die schon früher vorhandenen Straßen-sperren wurden mehr oder weniger vollständig in die neuen Wege integriert und sind zum Teil noch bis heute an kleineren Resten in und an den diversen Tunnel- oder Straßenstückchen neben der heutigen Passstraße zu bemerken. Deren Zugänge sind jedoch alle verschlossen.

Die Eingangsseite des Kasemattgebäudes

Bauwerksskizze o. Maßstab: in schwarz das originale Mauerwerk ohne spätere Einbauten, in rot die Panzerteile
Das Bauwerk besteht aus drei Räumen und einem kleinen nur ausgebrochenen Hohlgang, der in eine größere Kammer mündet. In dieser wurde ein hausähnlicher Raum mit Dach, Zugangstür und „Fenster“ eingebaut. Die Beleuchtung der drei Haupträume erfolgte wohl zunächst durch drei Fenster auf der Rückseite, die Kammer zeigt keinerlei Spuren einer irgendwie gearteten Möglichkeit zur Beleuchtung.

Der linke Hauptraum wird heute durch ganz offensichtlich spätere Einbauten deutlich verändert. Seine linke Seite wird von einem Podium eingenommen, dessen Zweck ebenso unklar ist wie der Zweck von drei einbetonierten kurzen Säulen, die scheinbar wahllos im rechten Teil des Raumes stehen.

Vor der rechten Scharte sind im Boden links und rechts neben den dem Betonsockel noch vier Gewindestehbolzen zu erkennen, die vermutlich die originalen Befestigungen des hier einst stehenden Geschützes sind. Es ist wahrscheinlich, dass sich unter dem Einbau vor der linken Scharte ähnliche Befestigungen befinden.

Der Geschützraum mit dem später eingebauten Podium und den drei Betonsockeln

Die beiden Artilleriescharten mit den angegossenen Wülsten zur Ablenkung von Regenwasser.  Zwischen den Schartenöffnungen ist die Herstellerkennzeichnung gut zu erkennen.
Beide Scharten haben die gleichen Maße: Breite 92 cm, Höhe 58 cm. Die gegossene Panzerplatte ist 11 cm dick. Sie waren innen mit einem Schartenverschluss versehen, der heute verschwunden ist. Das Vorhandensein lässt sich aber an um jeweils beide Scharten herumlaufenden Schraubenlöchern erkennen. An der Vorderseite der Frontplatte ist der Name der Herstellerfirma in fünf Zeilen eingegossen: FONDERIA / MILANESE / DI / ACCIAIO / MILANO. Eine Jahresangabe fehlt ebenso wie jede weitere Angabe auf einem der hier verwendeten Panzerteile.

Die beiden Seitenpanzerungen des Geschützraumes stellen sich als einfache Platten dar. Die sicherlich vorhandenen Befestigungsteile zu den anderen Platten und zu den Seitenmauern hin sind aus dem Innenraum heraus nicht zu sehen. Beide Seitenpanzer sind 1,55 m breit und 2,15 m hoch, ihre Dicke kann nicht festgestellt werden, sie dürfte aber der der anderen Platten entsprechen.

Der Deckenpanzer des Geschützraumes ist gewölbt und besteht aus zwei gleichen Teilen, die das Deckengewölbe sozusagen in zwei Hälften nach links und rechts teilen. Er folgt dabei der Wölbung des Frontpanzers, liegt aber nicht auf diesem auf, sondern auf dem oben angegossenen Wulst der frontalen Platte. Dies hat zur Folge, dass weder die Frontplatte nach innen noch die Deckenplatten nach unten gedrückt werden können. Der an den Außenseiten der beiden Deckenplatten ebenfalls angegossene Wulst verhindert das Eindrücken der Seitenteile in die Kasematte. Beide Platten haben eine Tiefe von 1,30 m.

Die rechte obere Ecke der Geschützkasematte zeigt die auf dem Wulst (1) der Frontplatte aufliegende gewölbte Deckenplatte (2), deren eigenen Seitenwulst (3) und die dadurch gehaltene Seitenplatte (4).
An der Decke der Geschützkasematte befinden sich je-weils mittig hinter den beiden Scharten die typischen Haken zur Anhebung der darunter montierten Geschütze bzw. deren Rohre oder Lafetten. Beide Haken sind nicht in die Deckenplatten sondern kurz hinter deren Ende in das Deckenmauerwerk eingelassen. Weitere Einbauten die mit einiger Sicherheit dem Entstehungszeitraum des Bauwerkes zugeordnet werden könnten sind augenscheinlich nicht mehr vorhanden.

Die Bewaffnung des Geschützraumes der Panzerkasematte ist bisher ebenfalls nicht bekannt. Eine einzige Quelle nennt als Fertigstellungszeitraum das Jahr 1905 und stellt die Behauptung auf, hier seien zwei Geschütze im Kaliber 7,5 cm montiert gewesen. Belege dafür werden nicht genannt und angesichts der Häufigkeit von Geschützen dieses Kalibers um die Wende des 19. zum 20. Jahrhundert ist diese schlichte Angabe auch wenig hilfreich.

Hier wäre es nützlich, von anderen Interessierten Hinweise auf mögliche Ausstattungsdetails zu der Bewaffnung dieses kleinen Bauwerks zu erhalten.

Im rechten der beiden Räume bietet sich ein Bild, das eher dem originalen Bauzustand zu entsprechen scheint. Er ist insgesamt kleiner und auch die beiden Scharten in der frontalen Panzerplatte sind nur 50 cm hoch und 52 cm breit.

Die ebenfalls gegossene Stirnplatte misst 3,02 m in der Breite und 3,62 m in der Höhe. Sie ist ähnlich nach oben gewölbt wie die des links benachbarten Raumes. Ihre Dik-ke ist mit 11 cm auch die gleiche. Allerdings ist hier die Deckenplatte nur einteilig und die beiden Seitenplatten messen 1,30 m in der Breite und 1,85 m in der Höhe. Die anderen Konstruktionsmerkmale sind identisch zur linken Kammer. Deckenhaken fehlen hier jedoch.

Ob die beiden eigenartig geformten Fundamente den Originalzustand darstellen kann nicht gesagt werden. Es spricht jedoch für diese Vermutung, dass sich jeweils unter den Scharten in die Frontplatte eingelassen zwei „Gelenkköpfe“ befinden, die als Verankerungen für eine leichte Waffe, wahrscheinlich ein Maschinengewehr, durchaus geeignet wären. Sie hätten auch in der Höhe die richtige Position für einen solchen Verwendungszweck, wenn man davon ausgeht, dass die beiden Betonsockel als Aufstel-lungsort solcher Waffen vorgesehen waren. Die vier je-weils daraus hervorragenden Reste von Befestigungsla-schen erlauben aber keine sichere Zuordnung.

Mittig in die Scharten sind Einschnitte eingelassen, die ebenfalls aus der Bauzeit zu stammen scheinen. Ihr Zweck ist ebenfalls unklar. Ein ober- und unterhalb beider Scharten montiertes Stahlband deutet auf einen Scharten-schieber zum Verschluss der Öffnungen hin der heute nicht mehr vorhanden ist.

Die rechte Kammer der Panzerkasematte mit den beiden Betonfundamenten für MG (?)
Abzweigend aus diesem Raum führt dann ein nur roh ausgebrochener kurzer geknickter Hohlgang in die rechts benachbarte Felswand, der nach etwa fünf Metern in einer größeren Kaverne endet. Dort ist ein kleines Haus mit 3 x 4 m Grundfläche errichtet worden, das über eine Tür betreten und offenbar über ein rückwärtiges Fenster auch beleuchtet werden konnte. Alle entsprechenden Einbauten sowie das einst erkennbar vorhandene Dach fehlen heute. Trotzdem ist dieser Teil des Komplexes sicherlich als Pulver- oder Munitionsmagazin anzusprechen. Er ist der einzige wirklich bombensichere Raum der gesamten Anlage und die Errichtung des Hauses machte wohl auch das Ausbetonieren des Zugangs bzw. der Kaverne überflüssig. Besondere Feuchtigkeit konnte der neugierige Besucher nicht bemerken, obwohl doch sonst gerade im Sommer solche Hohlräume in gewachsenem Fels vor Nässe triefen.

Diese kurze Beschreibung soll durchaus dazu dienen, Nachahmern etwas auf die Sprünge zu helfen, und damit das auch mit einiger Sicherheit funktioniert, sei im Anschluss an einige Bilder noch auf zwei weitere festungsbezogene Aspekte hingewiesen.

Außenansicht der „MG-Kasematte
„Gelenkkopf“ zur Befestigung einer Waffe?
Einkerbung in der Frontplatte

Pulvermagazin in Hausform - Beleuchtungsöffnung
Genau gegenüber der Zugangstreppe zur besprochenen Panzerkasematte liegt jenseits der Straße und etwas abgesenkt das schon genannte frühere Elektrizitätswerk. Es ist dort aber nicht alleine.

Wenn man den etwas schwierigen Weg über den umge-benden Zaun hinter sich hat und auch den danach folgenden mitunter reißenden Bach überqueren konnte, steht man an einem etwas steilen Abhang. Den zu erklimmen ist aber nicht besonders schwer und schon bald stößt man auf einen recht ordentlichen Weg. Wer dem nach rechts in Richtung Schweiz folgt, steht alsbald vor dem Eingang zu einen typischen Werk des Vallo alpino, das hier in den 30er Jahren zusätzlich errichtet wurde. Es handelt sich dabei um ein recht großes Artilleriewerk mit einigen MG- und Geschützscharten (s. AM WALL 40)

Der Ausbau erfolgte noch vor dem allgemeinen Baustop und alle Einrichtungen sind fertig betoniert. Durch die in unterschiedlichen Höhen angebrachten Scharten ist das Werksinnere von mehreren kurzen Treppen und gewinkelten Hohlgängen geprägt, was den Besuch nur interessanter macht.

Als Besonderheit verfügt die Anlage über einen abgesetzten Scheinwerferstand, der auf einem eigenen Zugangsweg außen am Felsen vorbei erreichbar ist. Hier stand auf einem noch immer vorhandenen kurzen Gleis einst ein 60 cm-Scheinwerfer auf seinem fahrbaren Untersatz und sollte Straße, Bahn und Umgebung in helles Licht tauchen. Für etwas bewegliche Interessierte ist das ein lohnender Ausflug - und einen Parkplatz haben Sie ja schon!

Geschützscharte für eine Kanone 75/26 modello 1906

Eingangstor zur Festung Gondo in der Schweiz
Ein kurzes Stück hinter der Grenze zur Schweiz kann man ein weiteres Festungswerk besuchen. Nach der Errichtung einer neuen Lawinengallerie, es ist die zweite hinter Iselle, ist es leider kaum noch zu sehen und auch der winzige Parkplatz taucht sehr unvermittelt genau am Ende der zweiten Galerie links der aus Italien kommenden Passstraße auf. Da muss man schon entschlossen oder (etwas) rücksichtslos sein. Aber auch hier ist ein Besuch sehr zu empfehlen, weil weite Teile der Festung frei zugänglich sind. Sie stammt ebenfalls aus mehreren Befestigungsperioden und ist offen, weil mitten durch den Haupthohlgang ein Wanderweg geleitet wurde. Sogar das Licht darf man selber an- und auch wieder ausknipsen. Wenn das keine Empfehlung ist!

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