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Giftgasangriff auf das belagerte Sewastopol 1855?

Text und Bilder: Inge und Dieter Wernet

Wir haben uns nie mit den Details des Gaskriegs und seinen furchbaren Auswirkungen auf die Betroffenen beschäftigt. Nach unseren bisherigen Kenntnissen begann die folgenreiche Geschichte dieser lautlosen Vernichtungswaffe mit ihrem ersten Großeinsatz in Ypern am 22. April 1915.

Umso überraschter waren wir, als wir kurz nach Erscheinen unseres Buchs „Die Belagerung von Sevastopol 1854-1855“ von einem langjährigen Schweizer Festungsfreund eine interessante Studie aus dem Jahr 1937 erhielten. Sie stammt von dem Schweizer Hauptmann Hermann Gessner, Gasoffizier im Festungszentrum St. Gotthard, und hat den Titel: „War der Plan des Admirals Lord Dundonald, Sebastopol 1855 durch einen groß angelegten Gasangriff zu erobern, durchführbar?“. Elektrisiert vom Titel beschlossen wir umgehend, das Thema auszuleuchten und wenn möglich die Hintergründe aufzuhellen. Der Krimkrieg, insbesondere die Belagerung von Sewastopol, war ja reich an bahnbrechenden und später weiter entwickelten Technologien. Dazu gehörten Telegrafie in die Kampfzonen, Schienentransporte zum Gefechtsfeld, gezogene Gewehre, erste drallstabilisierte Langgeschosse, Antipersonenminen, Ankertau- und Grundminen. Auch der Stellungskrieg, der Minenkrieg und die Materialschlachten waren maßgebliche Merkmale dieser in jeder Hinsicht denkwürdigen Belagerung. Aber Gaskrieg? Das war uns neu. Zwar wird er in der Tat in mehreren Quellen u. a. bei Wikipedia (engl.) erwähnt, doch wo waren die Ursprünge? Schließlich wurden wir fündig in dem 1921 in New York und London erschienenen, 468 Seiten starken Buch des Brigadegenerals Amos A. Fries, Chef des Chemical Warfare Service und Major Clarence J. West, ebenfalls vom Chemical Warfare Service. Danach unterbreitete der Flottenadmiral Lord Dundonald dem englischen Kriegsministerium und dem Regierungschef Lord Palmerston einen ungewöhnlichen Vorschlag: Er wollte Sewastopol großflächig mit Schwefeldioxiddämpfen angreifen und gleichzeitig benachbarte Stellungen durch dichte Rauchwaden „vernebeln“ und ihnen damit die Sicht nehmen.

In einem privaten Schreiben des englischen Premierministers an seinen Kriegsminister äußerte der Regierungschef seine grundsätzliche Zustimmung zu Lord Dundonalds Plan dahingehend, dass dieser eigenverantwortlich mit seiner Durchführung beauftragt werde. Gelänge das Unternehmen, könnte das Leben zahlreicher englischer und französischer Soldaten gerettet werden. Misslänge es hingegen, wären beide nicht in der Schusslinie und Lord Dundonald müsste die Blamage allein tragen (eine Vorgehensweise die geradezu modern anmutet).

Wie genau wollte der Admiral vorgehen? Ein Memorandum vom 7. August 1855 gibt Aufschluss (in Übersetzung aus dem Englischen):

„7. August 1855

Memorandum

Für die Vertreibung der Russen aus Sebastopol wäre folgendes Material erforderlich:

Versuche haben gezeigt, dass man mit fünf Teilen Koks einen Teil Schwefel verdampfen könne. Das genaue Mischungsverhältnis für den Landeinsatz, bei dem die Transportgewichte von ausschlaggebender Bedeutung sind, könnte möglicherweise Professor Faraday ermitteln, da ich wenig Erfahrung mit landgestützten Unternehmungen habe. Vier- oder fünfhundert Tonnen Schwefel und zweitausend Tonnen Koks wären ausreichend.

Außerdem wären ungefähr eben soviel Tonnen bituminöse Kohle und tausend Fässer Gasteer oder anderer Teer erforderlich, um die anzugreifenden Festungsbereiche oder deren flankierenden Anlagen der Feindsicht zu entziehen.

Eine größere Menge trockenes Feuerholz, Holzsplitter, Schälrinde, Stroh, Heu oder andere brennbare Materialien wären erforderlich, um die Feuer schnell bei der ersten stabilen Brise zu entzünden.

Dundonald“


Und weiter:

„7. August 1855

Anmerkung: Die Bestimmung des anzugreifenden Bereichs liegt in der Verantwortung der militärischen Führung vor Ort.

Unter der Annahme der Malakoff und die Bastion III (englisch der „Redan“) wären die anzugreifenden Bereiche, so wäre es empfehlenswert, die Bastion III durch Rauch von Kohle und Teer von den „Quarries“ aus zu verdunkeln (gemeint ist die der Bastion III vorgelagerte und von den Engländern gehaltene Steinbruchstellung), aber so, dass der Grüne Hügel (im Bild „Redoute Brancion“ genannt) nicht betroffen ist. Hier müsste das Schwefelfeuer entzündet werden, mit dem man die Besatzung des Malakoff (Fort Malakoff) vertreiben wollte. Zeitlich versetzt sollten alle auf den Malakoff gerichteten Geschütze feuern, um die dann unbemannten Wälle zu breschieren.

Es besteht kein Zweifel, dass die Gasnebel alle Verteidigungsanlagen vom Malakoff bis zur Karabelnaja Vorstadt und selbst das im Hafen ankernde Linienschiff „Die Zwölf Apostel“ erreichen würden ...“


Soweit die Denkschrift des Admirals Lord Dundonald. Diese wurde an einen Ausschuss zur Prüfung ihrer Durchführbarkeit weitergeleitet. Man kam schließlich zu dem Ergebnis, dass die Umsetzung des Plans zweifellos die gewünschte Wirkung erzielen würde – aber die Folgen wären so entsetzlich, dass kein ehrenhafter Kriegsteilnehmer diese Mittel einsetzen kann. Daraufhin entschied die Kommission, keinen Gasangriff zur Beschleunigung der Belagerung von Sewastopol durchzuführen und alle diesbezüglichen Schriftstücke zu zerstören. Dennoch kamen sie sehr viel später, im Jahr 1908, an die Öffentlichkeit.

Zum allgemeinen Verständnis hier eine kurze Zusammenfassung der militärischen Lage vor Sewastopol:

Im August 1855 dauerte die Belagerung der russischen Hafenstadt bereits 11 Monate an. Solange schon versuchten die Alliierten, Engländer, Franzosen, Sarden und Türken mit allen Mitteln die anfänglich unbefestigte Stadt einzunehmen. Inzwischen konzentrierte sich die Belagerung auf den Abschnitt um die auf einer Anhöhe liegende Malakoffbastion (im Bild Fort Malakoff). Von strategisch ausschlaggebender Bedeutung war der 600 m vor der Bastion flach aufragende Hügel, der sogenannte „Grüne Hügel“. Ursprünglich mit einer russischen Schanze, der Kamtschatkalünette, gekrönt, fiel er nach blutigen Kämpfen in die Hände der Franzosen und erhielt fortan die Bezeichnung „Redoute Brancion“. Dieser Bereich wäre wahrscheinlich der Ausgangspunkt eines Gasangriffs gewesen.

Bild 1:   Sewastopol, der Stand der Belagerung zum Ende des August 1855 (Ausschnitt aus Bild 392, "Die Belagerung von Sevastopol 1854-1855").   Der Plan zeigt zusammenhängend die rechte russische Verteidigungsfront (grün) in maßstäblicher Größe. Davor die französischen (rot) und englischen (blau) Angriffsstellungen, ihre Parallelen und Batterien.Erst 29 Jahre nach der obigen Denkschrift und der Ablehnung des Projekts durch die Prüfungskommission griff 1937 Hauptmann Gessner die Thematik erneut auf. Er untersuchte, ob sich der angedachte Gasangriff tatsächlich so hätte realisieren lassen und welche Erfolgschancen er gehabt hätte.

Zunächst macht er die Feststellung, dass es sich bei Schwefeldioxid (SO2) um einen durchaus veritablen Giftstoff handelt, der wesentlich toxischer ist als Kohlenmonoxid, aber nur halb so giftig wie Chlor und 10 Mal weniger giftig als Phosgen.

Nach seiner Einschätzung wäre eine großflächig wirksame Konzentration von 1g/m³ erforderlich, um den angestrebten todbringenden Effekt zu erzeugen. In Abhängigkeit der Konzentration macht er folgende Angaben:

Tabelle 1

  g/m³ Luft Vol. %
Geruch eben noch wahrnehmbar 0,01 0,0005
Hustenreiz bei 0,05 0,0025
Erträglichkeitsgrenze (1 Minute) 0,2-0,5 0,0005
Lebensgefährlich bei längerem Aufenthalt (½ – 1 Stunde) 0,5 0,025
Tödlich in kurzer Zeit über 1 über 0,05



Zwingende Rahmenbedingungen waren dabei eine stetige, nicht zu starke Brise in der gewünschten Richtung und völlige Trockenheit, da das Schwefeldioxidgas wasserlöslich ist und sich mit dem Wasser des Regens oder auch bei Nebel sehr schnell als schweflige Säure (H2SO3) niederschlägt. Dem Seemann Lord Dundonald war die letztere Bedingung vermutlich nicht bewusst, wie er auch in Unkenntnis der chemischen Reaktionen von einem „Verdampfen“ des Schwefels ausging.

Er kannte die toxische Wirkung der Schwefeldämpfe aus eigenen Beobachtungen während des damals sehr robusten Abbaus von Schwefel (für Schwarzpulver!) im Rahmen der napoleonischen Kriege. Zweifellos hätte aber der berühmte englische Physiker Professor Faraday darauf hingewiesen, dass Schwefeldioxid durch einfaches Verbrennen (oxidieren) der Schwefelstücke erzeugt wird. Er hätte wohl eine Verfahrensweise vorgegeben, wie entsprechende Schichtungen mit welchen brennbaren Materialen vor-zunehmen seien, um sicherzustellen, dass beim Erhit-zungsvorgang geschmolzene Schwefelstücke ebenfalls von den Flammen erfasst würden. Es ist anzunehmen, dass eine Reihe von Vorversuchen erforderlich gewesen wäre, um die erforderlichen praktischen Erfahrungen zu gewinnen.

In seiner Studie geht Gessner davon aus, dass bei günstiger Anordnung der Brennschichten bei der abströmenden Gaswolke eine Konzentration von 5-10 Vol. % SO2 oder 130 – 260 g/m³ erreicht werden könnte. Dies entspricht einer Schwefelmenge von 65-130 g/m³. Bezüglich der Anordnung der Schichtungen macht er folgende Ausführungen:

„Der Schwefel müsste in locker geschichteten, lang gestreckten Wällen von etwa 2 m Breite und 1 m Höhe senkrecht zur Windrichtung aufgeführt werden, sodass die unterste, 1 m hohe Luftschicht über und durch den Schwefel streichen müsste“.

Bei diesem Aufbau wären pro laufendem Meter Walllänge etwa 500 kg Schwefel erforderlich. Bei einer moderaten Windgeschwindigkeit von 4 m/sec werden pro Sekunde und Wallmeter ca. 260-520 g Schwefel oxidiert (verbrannt). Die gesamte Brenndauer läge dann zwischen 15 und 30 Minuten.

Wie aber hätte sich die Wolke ausgebreitet und welche Konzentrationen wären bei den angegriffenen Stellungen angekommen? Auch dazu macht Gessner anhand eines Schaubilds durchaus glaubhafte Angaben.

Bild 2: Die Ausbreitung der GaswolkeDie etwa 1 m hohe Schicht der Zuluft wird sich durch den Verbrennungsvorgang erwärmen und zusammen mit dem angereicherten Schwefeldioxid zunächst nach oben steigen (Zone a-b) und erst nach einer Phase der Abkühlung wird sich das höhere spezifische Gewicht der Schwefelverbindung gegenüber der Luft gleicher Temperatur (1,025 – 1,05) auswirken und das Gas-Luftgemisch allmählich auf eine Höhe von ca. 2 m absinken (Zone b-c). Vom Wind getragen bewegt sich die SO2 haltige Luft in Richtung der feindlichen Stellungen (Zone c-d). Durch Luftwirbel und dem Diffusionsverhalten der Schwefelgase dehnt sich die Gaswolke dann mit zunehmender Entfernung nach oben aus und verdünnt sich dabei. Die unten stehende Tabelle nach Gessner verdeutlicht die physikalischen Zusammenhänge.

Tabelle 2

Zone  a
Brennstelle
b
Erwärmzone
c
tiefste Stelle
Entfernung/m
  100 500 1000
Höhe der
Wolke/m
1 4 2 12 52 100
Konz.
gSO2/m³  
130-260 65-130 65-130 13-26 2,5-5 1-2,5
Volum. %  5-10 2,5-5 2,5-5 0,5-1 0,1-0,2 0,05-0,1



Dies führt zu folgender Schlussfolgerung: Nach den Angaben der Tabelle 1 liegt die tödliche Konzentration eines SO2-Luftgemischs bei >0,05 Vol. %. Dies ist bei einer Entfernung von 1.000 m durchaus noch der Fall. Da die Verteidigungsanlagen des Malakoff nur etwa 600 m von der Abbrennstelle entfernt lagen, würde die toxische Wirkung der Gaswolke noch deutlich darüber hinaus in die Vorstadt Karabelnaja reichen, günstige klimatische Bedingungen vorausgesetzt.

Bild 3:  Auch ohne Gasangriff wurde die Malakoffbastion letztlich erstürmt. Hier der Malakoffturm kurz nach der Eroberung. 

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