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Sonne, Bier und Gummistiefel. Bericht zur INTERFEST-Jahrestagung in Antwerpen vom 06. bis 10. Mai 2018

Text: Oliver Zauzig und Sebastian Höbig, Bilder: S. Höbig

Damit hatte der noch amtierende Geschäftsführer Florian Brouwers wohl nicht gerechnet, aber alle Teilnehmer hatten seine Anweisungen genauestens studiert und sich an den Vorgaben orientiert. Anders lässt es sich nicht erklären, dass fast alle Teilnehmer ihre Gummistiefel dabei hatten (und einige Wenige sogar einen Helm). So war es auch unvermeidbar, dass ständig jemand fragte, wann denn das wasserdichte Schuhwerk benötigt werde. Spätestens am zweiten Tag war klar, dass es nicht wirklich einen Grund gab, die unhandlichen Dinger mitzuschleppen. Trotzdem war damit das geflügelte Wort, oder besser: der geflügelte Satz bei den Teilnehmern in aller Munde. Damit ließ sich vorzüglich scherzen, was immer eine gute Voraussetzung ist, drei Tage miteinander gut auszukommen. Das hat auch vorzüglich geklappt.

 

Die Anreise nach Antwerpen erfolgte am 06. Mai 2018, einem Sonntag, individuell. Das schien bei der Mehrheit der Teilnehmer auch ohne Verzögerung und dem damit verbundenen Stress gut geklappt zu haben.

Bild 1: Eingang des leider nicht eingehend besichtigten Fort Ertbrand
Am ersten Tag, Montag 07. Mai, standen drei Anlagen auf dem Programm, wobei jedoch nur die beiden Forts 2 und 8 des inneren (älteren) Festungsrings von Antwerpen besichtigt werden konnten. Die Schanze XVI Hoboken war leider aufgrund erst kürzlich stattgefundener illegaler Aktivitäten (entweder war es Sachbeschädigung oder Müllentsorgung! Oder beides.) nicht zugänglich.

Bild 2: Der schönere Zugang zum Fort 2

Der Bus stand pünktlich 9:00 Uhr vor dem Hotel. Die Fahrt zum Fort 2 Wommelgem, östlich der Altstadt (Via de Aesakstraat, 2160 Wommelgem, 51°12'5.11"N, 4°29'34.65"E) erfolgte ohne Zeitverzögerung. Nur das Treffen mit unseren Ansprechpartnern vor Ort verzögerte sich aufgrund der Tatsache, dass wir das Fort von der falschen (aber schöneren) Seite betreten hatten (Bild 2). Nun, damit blieb für die meisten Teilnehmer etwas Zeit zum Ausschwärmen, wobei das „Einsammeln“ Zeit kostete. Letztendlich lauschten alle dem Vortrag von Willy Jacobs über das Verteidigungssystem Antwerpens bei Kaffee und Kuchen in einem vom Betreiberverein hergerichteten Raum in den Kasematten des Forts (Bild 3).

Bild 3: Vortrag in einer Kasematte des Fort 2

Danach besichtigten wir in zwei Gruppen die Festung sowie eine kleine Ausstellung (Bild 4). Anschließend trafen wir uns zum gemeinsamen Mittagessen in der Kasematte wieder. Das Fort ist baulich stark durch seine Nachnutzung durch die belgischen Armee während des Kalten Krieges überprägt. Aktuell wird an einigen Stellen gebaut und das Bauwerk in Stand gesetzt.

Gegen 13:00 Uhr brach die Gruppe zum Fort 8 Hoboken auf, dass sich südwestlich der Altstadt befindet (Schansstraat 2660 Hoboken Parking, 51°9'54.25"N 4°21'0.29"E). Baugleich dem Fort 2, besichtigten wir hier das Reduit, welches für uns in Fort Wommelgem nicht zugänglich war. So bekam die Gruppe einen guten Überblick über die
Brialmont´schen Einheitsforts des inneren Rings.

Bild 4: Einer der Ausstellungsräume des Fort 2, hier bestückt mit überwiegend deutscher Artillerie des 1. Weltkrieges

Erwähnt sei hier am Rande noch eine belgische „Konstante“ in beinah allen besichtigten Forts des gesamten Aufenthaltes: die obligatorische Bar mit Bierausschank. Das erfreute so manches Besucherherz. Das Wetter spielte übrigens an allen Tagen mit, und zwar mit hochsommerlichen Temperaturen. Da jedoch der Bus an den ersten beiden Tagen keine Klimaanlage hatte, kam die Gruppe während der Fahrt leicht ins Schwitzen. Gott sei Dank waren die Fahrten nicht zu lang.

Bild 5: Die Gruppe im inneren, das Reduit umgebenden, Graben des Fort 8

Bild 6: Innenhof des Reduits von Fort 8

Noch vor dem gemeinsamen Abendessen brachen einige Unentwegte zum nahen Nachtegaleenpark den Brand (51°10'59.29"N, 4°24'12.46"E) auf, wo insgesamt acht Bunker des Atlantikwalls (rückwertiger Bereich) zu finden sind. Einer ist als Museum (http://www.simonstevin.org/park-den-brandt-bunkermuseum.html) ausgebaut. Nur öffnet dieser lediglich an zwei Tagen im Monat, so dass all diejenigen, die bereits am Sonntag vorbeischauten, den Bunker auch von innen besichtigen konnten.

Bild 7: Fort Stabroek - linke Hälfte der Spitzgrabenwehr
Bild 8: Fort Stabroek – Beschriftungen aus deutscher Besatzungszeit in der Spitzgrabenwehr

Am zweiten Tag, Dienstag 08. Mai, fuhr der Bus pünktlich 9:00 Uhr zum Fort Stabroek (Abtsdreef, 2940 Stabroek, 51°20'32.46"N, 4°21'10.33"E) des äußeren moderneren Fortgürtels. Im Gegensatz zu den Forts des inneren Gürtels, bestanden diese quasi komplett aus Beton und glichen in ihrem Inneren in weiten Bereichen eher Tropfsteinhöhlen. Ferner waren sie üppig mit deutschen Beschriftungen aus der Zeit des Ersten Weltkrieges ausstaffiert. Dort lauschte die Gruppe einem Vortrag von Marc Van Riet in Englisch zur Geschichte der moderneren Befestigungen Antwerpens und speziell des Forts Stabroek. Danach gab es eine Führung, zumindest in dem Teil des Forts, der außerhalb des dort eingerichteten Paint-Ball Areals liegt. Auf der anderen Seite der immerhin vorhandenen Schutznetze beschossen sich junge Menschen mit kleinen roten und grünen Kügelchen, die entgegen der Ankündigung, gar nicht so einfach kaputt zu kriegen sind (die Kugel, nicht die jungen Menschen!). Zumindest stellten einige Interfestler den jungen Kämpfer_innen Fragen wie: Hinterlässt ein Treffer sichtbare Spuren (nicht nur auf dem Schutzanzug, da ist es klar), sondern auf der Haut? Antwort: Ja, blaue Flecken gehören dazu. Wir glauben, einige von uns hätten gern mitgemacht.

Bild 9: Redoute Smoutakker
Bild 10: deutscher Geschützbunker der sog. „Norderfront“

Nach dem Mittagessen, das wir noch im Fort einnahmen, fuhren wir zu unserem nächsten Ziel, der gesprengten Redoute Smoutakker (51°20'34.61"N, 4°23'19.08"E)
(Bild 9). Obwohl Fledermausquartier (Die sind um die Zeit meist ausgeflogen) und Naturschutzgebiet, hatte Luc Olyslager die Erlaubnis bekommen, uns durch die Anlage zu führen. Diese war bei Beginn der deutschen Belagerung Antwerpens zu Beginn des Ersten Weltkrieges von der belgischen Besatzung gesprengt worden. Neben wirklich imposanten Trümmergebirgen waren dort auch ein paar nachträglich errichtete deutsche Bunker des Ersten Weltkrieges aufzufinden. Nach circa einer halben Stunde fuhren wir weiter zur Bunkerlinie im Waldgebiet Mastenbos (Parking Kalmthoutsesteenweg, 120 – 2950 Kapellen, 51°20'9.94"N, 4°26'18.86"E). Dort führte uns Jan Ingelbrecht durch die Landschaft. Das Areal war während des Ersten Weltkrieges Teil der sogenannten Norderfront, die sich zwischen den Schelde-Ufern in Berendrecht und dem Kanal in Schoten befand. Dort errichteten die Deutschen circa fünfhundert Bunker, welche sich gegen eine befürchtete englisch-französische Invasion durch die neutralen Niederlande richten sollten. Viele davon sind heute noch erhalten und können auf einem ausgeschilderten Rundweg besichtigt werden. Teilweise ließen sich imposante Schartenpanzerungen bewundern, die durch die Deutschen ganz offensichtlich aus den belgischen Forts der Umgebung ausgebaut und in der neuen Stellung wieder eingebaut worden waren (Bild 10).

Bild 11: Innenansicht der obigen Scharte mit wiederverwendeter belgischer Schartenplatte für eine 75-mm-Kanone

Dann ging es weiter durch diese bizarre Graben- und Bunkerlandschaft zu einem verbunkerten Wehr (Bild 11), das Teil des nassen (belgischen) Panzergrabens ist, der erst in den 1930er Jahren errichtet wurde. Der Graben (Antitankgracht) hat eine Länge von ungefähr 33 km und ist mindestens 6 m breit. Der Panzergraben verbindet die Schelde mit dem Albertkanal in Oelegem und schließt die Zwischenfelder zwischen den in diesem Bereich liegenden älteren Forts. Der Graben wurde zwischen 1937 und 1939 mit der Absicht gebaut, feindliche, d.h. im Klartext deutsche, Panzer zu stoppen, bevor sie Antwerpen erreichen konnten. Der Tankgraben spielte im Fall Gelb keine nennenswerte Rolle. Es ist für einen Laien sicher nicht zu erkennen, dass sich hier Militäreinrichtungen verschiedener Zeiten und verschiedener Erbauer fast überlagern, was insbesondere bei der schon erwähnten Schanze Smoutakker besonders deutlich wurde, da auch diese direkt an der Antitankgracht liegt.

Bild 12: befestigtes Stauwehr der Antitankgracht (Unterstrom-Seite)

Immer entlang des Grabens führte uns der Weg zum Fort Ertbrand (51°20'50.24"N, 4°25'33.79"E) (Bild 1), wo bereits unser Bus wartete. Leider konnten wir das Fort nur von außen betrachten, der Eigentümer erlaubte uns keinen Zutritt. Ferner waren gerade Filmaufnahmen für eine Dokumentation über die Nutzung des Forts als Hinrichtungsstätte während der deutschen Besetzung im Zweiten Weltkrieg im Gange. Die Zeit war aber auch ohnehin schon reif für die Rückfahrt.

Bild 13: Eingang mit Kehltraditoren des Fort Oelegem
Bild 14: durchfeuchtete Kasematte im Fort Oelegem

Am Mittwoch (09. Mai), dem dritten Tag, fuhren wir zum  Fort Oelegem (Goorstraat, 19 2520 Ranst, 51°13'28.19"N, 4°36'45.70"E), das Teil des äußeren Fortgürtels ist. Im Fort durften wir uns frei bewegen, was die meisten auch taten. Unser Ansprechpartner vor Ort hörte auf den Namen Jorne und bot eine interessante Führung durch das Fort, das sich in einem eher traurigen Zustand befindet. Zwar waren zahlreiche eiserne Einrichtungsgegenstände wie gepanzerte Türen und Geschosshebevorrichtungen noch vorhanden, welche im schon erwähnten Fort Stabroek herausgeschnitten worden waren. Allerdings wird das überall durch den meterdicken Beton sickernde Wasser in Verbindung mit dem Luftsauerstoff langfristig genauso gründliche Zerstörungsarbeit leisten, wie andernorts menschliche Schrottsammler. Jorne war zwar jedenfalls Spezialist für die dort überwinternden Fledermäuse, nichtsdestotrotz konnte er auch sehr viel über das Fort erzählen. Ich glaube, er hat sich über unseren Besuch sehr gefreut.

Nach der Besichtigung, für die ausreichend Zeit zur Verfügung stand, griffen die Teilnehmer nach ihren Lunchpaketen und verschlangen ihre dehydrierten Brötchen.

Der letzte Stopp der Antwerpentour war das Fort Steendorp (Kapelstraat, 233 9140 Steendorp, 51°7'46.28" N 4°15'29.77"E). Das Fort Steendorp sei das größte Fort der Antwerpener Festungsgürtel gewesen. Als zusätzliche Besonderheiten wies es als einziges der Antwerpener Forts eine Höhenlage und somit einen ehemals trockenen, nun aber mit Wasser vollgelaufenen, Graben auf, dessen Wände mit Dechargen-Mauerwerk bekleidet waren. Ferner war es wohl das letzte Fort Belgiens, das aus Ziegelmauerwerk errichtet wurde. Im Verbund mit massiven Betonverstärkungen könnte man es quasi als Bindeglied zwischen den älteren Brialmont-Forts des inneren Gürtels und den modernen Betonfestungen des äußeren Gürtels betrachten. Die zahlreichen, massiven Beschädigungen des Forts seien wohl Luftangriffen des Zweiten Weltkrieges geschuldet, welcher einer dort untergebrachten deutschen Flakstellung o.Ä. galten. Nun führte uns unser Führer Dirk durchs grüne Dickicht, welches sehr präsent die Ruine in Besitz genommen hatte (Zitat eines Teilnehmers: „Ich habe noch nie von einem so großen Fort so wenig gesehen“). Dirk hatte hier schon seine Kindheit verbracht. Somit schien er jeden Winkel zu kennen, und darüber berichtete er ausführlich, was die Zeit davonrasen ließ. Als die Gruppe dann am ehemaligen Reduit ankam und sich anschickte, in die Ruine zu kriechen, vereitelte der Busfahrer jede weitere Entdeckerfreude. Es war Zeit (für ihn, nicht für uns), aufzubrechen. Während der Rückfahrt erlebten wir dann den Antwerpener Verkehr. Vielleicht hatte der Busfahrer so harsch reagiert, weil er rechnete, dem Berufsverkehr zu entkommen? Nur, das ging gründlich schief, auch nachdem der Busfahrer einige Schleichwege nutzte. So verbrachten wir noch einige Zeit im Stau, doch diesmal glücklicherweise klimatisiert, denn wir hatten einen anderen Bus für den letzten Tag. Nach dem gemeinsamen Abendbrot, was an allen drei Tagen sehr lecker und reichhaltig war, fand ab 20:00 Uhr die Mitgliederversammlung mit Präsidiumswahl in einem der Tagungsräume des Hotels statt.

INTERFEST-Jahrestagung
Berlin, 1.- 5. Mai 2019